Immer wenn es Herbst wird
Der Sommer neigt sich seinem Ende zu,
heiße Tage, schwüle Nächte,
man hat so manches Fest im Freien gefeiert, mit Freunden die Zeit verbracht und genossen. Doch irgendwann, man kann es eigentlich nicht so genau festlegen, geschieht etwas in der Natur. Die Tage sind plötzlich so kurz, das kurzärmelige Hemd reicht nicht mehr aus und eine Weste, ein dicker Pullover muß her, um sich vor der abendlichen Frische zu schützen.
Der große Wagen hat sich am Nachthimmel schon etwas gedreht, so als hätte eine große, unsichtbare Hand ihn ein Stück weiter gezogen. Vögel versammeln sich auf Strommasten in großen Gruppen, laut diskutierend, ich nehme mal an sie freuen sich einfach über das bevorstehende Ereignis und die Ankunft im Warmen.
Der letzte Schmetterling saugt geschäftig an einer schon fast verblühten Sommerblume, vermutlich hungrig fliegt er weiter auf seiner vergeblichen Suche nach Nektar und verschwindet hinter kahlen Büschen mit vergilbten Blättern, um irgendwo einsam zu sterben. Du gehst die gleichen Wege, die du auch gegangen bist als die Sonne noch hoch im Zenit stand. Nun ist es trübe und grau, feucht kriecht die Kälte an dir hoch, ins Hosenbein, unter die Jacke und du hast den Kragen hochgestellt.
Dann wirst du unvermittelt der Stille gewahr. Die Masten über dir sind verlassen, wie riesige dürre Gerippe lasten sie über dir, kein Vogel mehr weit und breit. Dort wo gestern noch reges Treiben war, herrscht nun Ruhe.
Ich komme an meiner alten Schule vorbei und der Duft von gefallenen, reifen Kastanien dringt in meine Nase. Eine Hand voll Kinder mit prall gefüllten Plastiktüten und Stöcken zum Werfen erregen meine Aufmerksamkeit. Ein Junge mit roter Mütze steht hoch oben im Geäst und schüttelt wild die restlichen Früchte aus ihren aufgeplatzten, braunen Hüllen.
Ich setze mich einen Moment auf die kleine Mauer, welche den Schulhof umgibt, wo auch ich schon zur Schule ging. Es kommt mir vor wie Gestern, unwirklich, entfernt aber doch noch greifbar.
Leichte Wehmut, aber auch ein tiefes Gefühl der inneren Ruhe machen sich in mir breit. Meine kleine Tochter hat mich heute Morgen mit großen, erwartungsvoll leuchtenden Augen gefragt, ob ich mit ihr zum Kastanien sammeln gehe. Hatte keine Zeit und erkannte nicht die Wichtigkeit.
Genieße noch einen Moment im stillen Verharren, bis der Zauber des Moments verflogen ist. Entfernt läuten Glocken zur Abendmesse.
Ich werd jetzt wieder nach Hause gehen und sie ganz fest an mich drücken...
(Für meine Tochter Laura)
Im wärmenden Licht der Toten
Gewisse Feiertage sind mir ein Greuel, weiß ich doch nicht so richtig, was ich an solchen Tagen mit mir anfangen soll. Meist sind es christliche Feiertage. Feiertage, deren tiefere Bedeutung nicht so recht einleuchten will. Einmal abgesehen von Ostern oder Weihnachten. Das sind Tage, die mich berühren, hängen doch sehr viele schöne Kindheitserinnerungen damit zusammen.
Heute ist Allerheiligen.
Der Tag, an dem Menschen in aller Welt, Kerzen auf den Gräbern ihrer lieben Verstorbenen aufstellen. Sie zünden ein Licht an, im Gedenken an die Menschen die sie geliebt haben. Menschen, die vielleicht schon sehr lange tot sind, aber auch Menschen die erst kürzlich gestorben sind. Väter, Mütter, Ehefrauen, Ehemänner, Großeltern. Im schlimmsten Falle Kinder.
Es ist Herbstzeit. Zeit des Abschieds. Vom Sommer und warmen Tagen. Man kann zusehen, wie alles um uns herum verwelkt und vergeht. Braungelb verfärbte Blätter liegen überall verstreut herum und wehen uns um die Köpfe. Es wird kalt und feucht. Und es wird dunkel. Schon am frühen Nachmittag beginnt die Nacht und man hat viel Zeit zum Nachdenken, schaltet die Glotze ein, hört Radio oder beschäftigt sich mit allerlei Sinnigem und Unsinnigem um den langen Abend zu verkürzen.
Ich entschloss mich heute dazu, noch etwas spazieren zu gehen, schlenderte gemächlich durch meinen Heimatort, vorbei an der belebten Hauptstraße, an beleuchteten Schaufenstern. Obwohl alle Geschäfte wegen des Feiertages geschlossen waren, erstaunte mich der lebhafte Verkehr. Auf dem Nachhauseweg entschließe ich mich dazu, doch noch einen Umweg zu machen. Hoch zur Kirche. Man muss viele Treppen steigen bis nach ganz oben, denn die Kirche ist auf einem der drei Hügel erbaut, die meinen Heimatort kennzeichnen und die auch im Wappen der Gemeinde wiederzufinden sind.
Oben angekommen genieße ich die Aussicht, man kann von dort den Blick über den Ort schweifen lassen, etwas den Gedanken nachhängen. Nicht allzu fern hört man ein stetiges Rauschen. Die Autobahn ist nicht weit entfernt. Eine permanente Geräuschkulisse, aber es stört nicht weiter. Nach einer kurzen Verweilpause schlendere ich noch etwas um die Kirche herum, sehe Silhouetten, etwas weiter weg von mir, am Eingang zum Friedhof. Die Schatten verschwinden langsam in der Dunkelheit, doch ich erblicke ein Licht. Zuerst nur eines hinter den Büschen. Je näher ich mich dem Friedhof nähere, umso mehr Lichter erleuchten in meinem Blickfeld. Und ganz plötzlich und unerwartet stehe ich inmitten eines Meeres. Eines Meeres von Lichtern. Ich gehe still weiter, vorbei an langen Grabreihen, man kann die Grabsteine nur erahnen, ich sehenur noch die roten Lichter. Es sind Hunderte, vielleicht auch Tausende.
Und es ist still. Eine Stille, derer ich schon lange nicht mehr gewahr wurde. Eine wohlige, warme Stille, die mich umhüllt. Eine erleuchtete Stille. Gefühle und Gedanken verselbständigen sich, merke fast nicht mehr meine Schritte, sauge alles um mich herum auf wie ein vertrockneter Schwamm. Es ist wundervoll, kaum zu beschreiben.
Wie von unsichtbarer Hand gezogen, gehe ich weiter. Bis ich vor einem Grab stehe. Es ist das Grab meiner Großeltern. Das Grab der Menschen, die auch ich geliebt habe und es noch immer tue.
Ein rotes Grablicht steht einsam zwischen liebevoll gepflanzten Vergißmeinnicht. Ich bin mir sicher meine Eltern waren schon hier um dieses Licht anzuzünden.
Ich sinke in die Knie, bis auf den Rand des Grabes. Berühre den kalten Stein mit meinen Fingerspitzen.
Und fange an zu weinen.
Ich weiß nicht wie lange ich dort niederkniete, doch ich weiß ich habe gebetet. Ich war in diesem stillen Moment ganz nah an den Menschen die ich liebe und geliebt habe. Bei den Toten. Bei den Lebenden.
Im nächsten Jahr werde auch ich ein Licht aufstellen. Vermutlich wird es nicht genau so sein wie bei diesem ersten Mal, als ich fühlte.
Doch ich habe verstanden.
Die Hoffnung stirbt zuletzt...
Glückliche Kindheit, mit Eltern voll Liebe und Stärke vermittelnd.
Behütet aufgewachsen, mit helfenden Händen, die Jugend genossen, ausgekostet, maßlos in vielen Dingen.
Erste Verwirrung, ungläubiges Schauen in Anbetracht der sich erschliessenden Welt.
An Grenzen gestoßen, mehr die Gesetzten als die Eigenen.
Ins Schema gepresst, kein Raum mehr für's frei sein.
Erschrocken, nicht faßbar, so soll das Leben sein?
So voller Leere und so gefüllt mit Zwängen?
Wird schwerer, im Laufe der Jahre, Eigenes zu bewahren, sich selbst nicht zu verlieren.
Im Strudel der Masse, im Konsens mit Normen, mitgerissen, pflichterfüllend,
die Verheissung am Horizont verlierend, bis fast nichts mehr da ist,
von Träumen, vom eigenen Denken.
Stillstand.
Der neblige Übergang vom Herbst zum Winter.
Angst
und Trauer
so wollte ich das nicht.
Nicht so, nicht Ich.
So vieles versucht, nichts war Befriedigung.
Nur schwimmen, nicht untergehen, im Ozean des Lebens.
Gestrandet, mit vollen Segeln, bereit gewesen für Alles, gegen jeden Sturm, so stark und sicher war mein Schiff.
Es war nicht der Sturm, nicht der Orkan, keine Naturgewalt.
Felsen aus Stahl, nicht sichtbar, ganz dicht unterm Wasserspiegel. Gebaut aus Normen, nicht sichtbaren Grenzen, von Menschen gebaut, vor so vielen Jahren.
Mein prachtvolles Schiff, geschmückt mit Hoffnung und Sehnsucht, Leck geschlagen, festgehalten von Felsen aus Stahl, der Kälte der Zeit, kein Platz für Träumer, kein Platz für Leben, so wie ich es will, so wie ich es fühle.
Wo bleibt der Windhauch, die Böe, das Zeichen. Ein kleiner Stoß, ein wenig Flut und ich segele weiter zu vollkommenen Welten. Wo ich willkommen, man auf mich wartet,
ich sein darf, was ich bin.
Ein Mensch.
Freundlich und sensibel, wissend und etwas weise, anerkennend mein Tun, meine Menschlichkeit, liebevoll und beschützend.
Die Wünsche eines Kindes.
Ich weiß.
Ich bin nicht alleine, ich weiß es, will es glauben, muß es glauben.
Denn sonst ist Alles Nichts, besteht keine Hoffnung, sind wir alle verloren,
im Meer der Zeit.
Nur ein Windhauch, eine kleine Böe.
Es wird passieren, ich weiß es, ganz sicher.
Nur warten...warten...warten...
Euer Schmerz ist das Aufbrechen der Schale,
die Euer Verstehen umschließt.
Ebenso wie der Stein des Pfirsichs aufbrechen muß,
damit sein Herz sich in die Sonne erheben kann, müßt ihr den Schmerz erfahren.
Und könntet ihr in eurem Herzen das Staunen über die täglichen Wunder
eures Lebens wachhalten,
erschiene euch euer Schmerz nicht weniger wunderbar als eure Freude.
Und ihr würdet die Jahreszeiten eurer Seele ebenso annehmen,
wie ihr von jeher die Jahreszeiten angenommen habt,
die über eure Felder ziehen.
Und ihr würdet die Winter eures Kummers mit heiterer Gelassenheit durchwachen.
Euer Schmerz ist größtenteils selbst erwählt.
Er ist der bittere Trank,
mit dem der Arzt in euch euer krankes Selbst kuriert.
Vertraut also dem Arzt und trinkt seine Medizin ruhig und ohne zu murren,
denn seine schwere und harte Hand gehorcht der sanften Hand des Unsichtbaren.
Und der Becher,
den er euch reicht, verbrennt euch zwar die Lippen,
doch er ist aus dem Ton geformt,
den der Töpfer mit seinen eigenen heiligen Tränen benetzte.
Aus ‘Der Prophet’ von Khalil Gibran, Dichter, Philosoph und Künstler aus dem Libanon, dessen vorgenanntes Buch vor etwa Hundert Jahren zum Kultklassiker wurde.
Stille Begegnung
Das tägliche Einerlei, banale Gedanken,
bewegst dich auf eingefahrenen Bahnen,
auch Du hattest doch ein Licht in Dir,
nur noch ein trauriger Schatten Deiner selbst...
Der Vorhang der Gewohnheit umhüllt dich wie ein fein gesponnenes Netz aus trügerischer Sicherheit,
schützt Dich vor Verletzlichkeit,
bedeckt die schmerzenden Narben der Vergangenheit...
Doch manchmal, ja manchmal öffnet sich ein hoffnungsvoller Spalt in diesem Gewebe aus Einsamkeit
und freundliche Hände greifen nach Deiner Seele,
durchbrechen die Grenze, zerreißen behutsam das Netz...
Ein Augenblick der Begegnung,
ein Moment der Stille,
ein Wimpernschlag des Erkennens,
der bewußten Wahrnehmung,
erhaben, ohne Grenzen, bar jeden Zweifels...
Besinnung
Wenn der neue Morgen noch müde und jungfräulich erwacht, wenn der erste freie Vogel die Flügel ausbreitet
und seinen Schmerz in den Tag hinein schreit,
dann wird alles neu, was vorher alt.
Wenn das Licht die dumpfe Finsternis vertreibt,
wenn der erste grelle Sonnenstrahl die Wolken aus Trübsal durchbricht und die Ungerechten blendet,
dann wird auch der letzte Geschundene 'Mensch' gerufen.
Wenn die Zeit der bedingungslosen Vernunft anbricht,
wenn die ungerechten Schreier ihre Stimme verlieren
und das Wahre ganz und gar zum Gesetze wird,
dann werden wir uns wiedersehen
im Taumel der Freude.
Nachtgedanken
Des Tages mühseliges Werk vollbracht,
Abend zieht auf,
Licht wird durch Dunkelheit ersetzt.
Stille dringt ein, umgibt Dich, gleich einer beschützenden, wärmenden Decke...
Friedvolle Ruhe, kein wiederkehrendes Singsang aus dem Radio,
keine Stimmen aus dem TV,
entspannendes, glückseliges Finden zu Dir selbst...
Letzter Vogel verstummt, draußen wird es ruhig und still,
silberner Schein des vollen Mondes taucht gewohnte Umgebung in gespenstisches Licht...
Gedanken begeben sich auf einsame Wanderschaft,
mystischer Augenblick voller Harmonie und Hingabe,
der Schamane erwacht...
gänzliches Aufgehen im Licht, schwebend über den Dingen,
eintauchend in eine andere Welt,
Eins mit Allem...
so ist’s gut...
Eines Abends
Den Tag gelebt, sinnlos verlebt...
ohne wirklich etwas Wichtiges getan zu haben,
erledigt zu haben...
Ein Gefühl, eine Gewißheit, die schleichend und doch mit brachialer Wucht die Herrschaft über die Gedanken übernimmt...
Nicht immer, nicht jeden Tag, aber immer öfter,
je älter du wirst.....
Was tue ich hier, was ist geschehen?
Wollte doch so Vieles, Großes und auch Kleines...
Die Sonne scheint noch, geht langsam unter...
Ruhe kehrt ein auf den Straßen, in den Gedanken,
im Herzen aber nicht. Was fehlt?
Nichts Greifbares, nichts mit Gestalt,
nur ein Gefühl.. aber es ist da, kannst es nicht vertreiben...
Der Blick aus dem Fenster...
Wie das jeder von uns gelegentlich tut,
schaue auch ich des öfteren durch den Vorhang aus dem Fenster...
Vorbeifahrende Autos, die Fußgängerampel etwa 20 Meter schräg gegenüber,
Kinder laufen eilig rüber zur anderen Seite um es rechtzeitig in die Schule zu schaffen...
Manche bei Rot, obwohl ihre Eltern es ihnen mindestens
tausend Mal verboten haben...
Eine alte Frau, deren Namen ich nicht kenne,
sie aber von Kindheit an immer wieder gesehen habe,
geht langsamen Schrittes, etwas nach vorne gebeugt und
mit gesenktem Haupt die Straße entlang
bis sie aus meinem Blickfeld verschwindet...
Früher hatte sie es immer sehr eilig, nun ist sie einfach alt....
Aus der Küche höre ich wie die Kaffeemaschine laut vor sich hin brüht,
müßte mal wieder entkalkt werden...
Ein grauer, verregneter Morgen,
so ein Tag,
an dem einfach nicht die richtige Stimmung aufkommen will....
Auf der anderen Straßenseite gegenüber fällt mein Blick
auf eine Lücke zwischen zwei Häusern,
in dem Einen wohnte Willi, jetzt auch schon seit 15 oder 20 Jahren tot,
hat uns immer von seiner Wiese vertrieben, lange her...
Unmerklich geht mein Blick weiter, sehe nicht mehr die Straße,
die Ampel, den grauen Tag....
Alles verschwimmt plötzlich...
und der Blick in die Vergangenheit tut sich auf....
Angenehm, warm fühlt sich das an, weiter, weiter, weiter....
Da wo Willi’s Wiese früher war,
öffnet sich ein Durchgang zu einer weiteren, riesigen naturbelassenen Wiese
mit blauen Kornblumen, hohem Gras, Maulwurfhaufen....
Vogelzwitschern,
die Sonne scheint heiß,
liege rücklings im kniehohen Gras....
Obstbäume stehen in langen Reihen und große Pappeln rauschen im Wind...
Der Blick geht nach oben,
hab gerade einen Drachen in der Luft,
mindestens hundert Meter hoch, weil ich die Schnur verlängert habe....
Kleine Papierschnipsel wandern an der Schnur entlang nach oben,
surrend,
wenn man das Ohr nahe genug an die Leine hält...
Der Sauerampfer schmeckt bitter,
Mama hat gesagt, das darf man, wäre nicht giftig und
früher im Krieg hätten sie Salat daraus gemacht....
Weiter, immer weiter sinke ich hinab....
sehe mich beim Kartoffelbraten im Feuer,
rieche das verbrannte, trockene Gras....
Kinderlachen,
entfernt hämmert jemand irgendwo auf Holz herum,
„zilpzalpzilpzalpzilpzalp",
irgendein Vogel fliegt über mir,
nein,
er fliegt nicht,
er steht da einfach in der heißen Sommerluft
etwa 30 Meter über mir und
scheint ganz aufgeregt zu sein....
Der Zilpzalp eben.
Irgend jemand ruft laut,
holt mich zurück aus meinem Tagtraum.. will nicht, will da bleiben...
nie mehr weg....
laßt mich doch um Gottes Willen da wo ich jetzt war...
Der Blick wird wieder klar, es ist trüb und regnerisch....
die Ampel zeigt rot.
Sehe keine Wiese mehr, mein Blick fällt auf Häuser,
ein Neubaugebiet,
da wo früher meine Wiese war...
Der Kaffee ist fertig....